Introvertierte ziehen oft den Kürzeren, wenn sie nicht aufpassen. Nicht überall und nicht immer, doch grundsätzlich werden introvertierte Menschen definitiv unterschätzt.

Und zwar leider auch von sich selbst. Wir Introvertierten unterschätzen uns selbst – das kann nicht sein, oder?

Doch. Viele Bereiche unseres Lebens sind so aufgebaut, dass Extrovertierte den Ton angeben können oder zumindest die Regeln festlegen, wenn es darum geht, was als erstrebenswert gilt und was nicht.

Hier und heute sollte einmal klargestellt werden, dass Introvertierte wundervolle Eigenschaften mitbringen, die sie vorteilhaft einsetzen können – egal ob in der Schule, im Beruf oder im Alltag!

1) Introvertierte haben eine tolle Beobachtungsgabe

Introvertierte Menschen beobachten erst und reden dann. Das ist vorteilhaft in allen möglichen Situationen – besonders aber im Beruf.

Denn Fehler passieren häufig, wenn niemand aufpasst oder auch mal sagt: „Moment, wenn wir so weitermachen, wird es nicht funktionieren.“

Mit einem Introvertierten im Büro stehen die Chancen ziemlich gut, solche Fehler zu vermeiden. Nicht nur das, auch neue Ideen oder Optimierungen liegen Dir, wenn Du introvertiert bist.

Bist Du „der Intro im Büro“, dann nimm Deine Aufgabe ruhig an – lass andere hektisch werden, während Du ruhig bleibst und den Überblick behältst. 

2) Introvertierte sind zuverlässig

Wer Du nicht so sehr darauf achtest, wie etwas wirkt, sondern mehr, wie gut etwas wirklich ist, kommt Zuverlässigkeit fast von alleine. Introvertierte wollen, dass etwas einwandfrei läuft und sie garantieren das gerne selbst. 

Falls Du introvertiert bist, dann solltest Du dir unbedingt auf die Fahne schreiben, dass Du zuverlässig arbeitest. Denn für viele introvertierte Menschen ist das eine Selbstverständlichkeit – natürlich machen wir unseren Job so gut es geht, nicht wahr?

Tja, nicht alle Menschen sind so, also haben wir da einen Vorteil, den wir auch ruhig zur Schau stellen dürfen. 

3) Der Blick für das Detail 

Während andere Menschen hervorragend das große Ganze im Auge, den Veränderungsdrang praktisch im Blut und das Macher-Gen in die Wiege gelegt bekommen haben, haben wir Introvertierten den Blick für das Detail

Dadurch wirken Introvertierte manchmal pedantisch oder erledigen ihre Aufgaben etwas langsamer – aber langfristig zahlt es sich fast immer aus, wenn Introvertierte ständig kleine Perfektionierungen im Kopf haben. 

4) Small Talk ist Zeitverschwendung

Introvertierte mögen keinen Small Talk. Warum? Weil er keinen großen Zweck erfüllt. Während Extrovertierte sich gut fühlen, wenn sie kommunizieren und Trubel um sich herum haben, wollen Introvertierte lieber ruhig und gewissenhaft arbeiten. 

Small Talk erreicht aus Sicht der Introvertierten nichts, er klaut nur Zeit und Energie. Besagte Zeit kann somit anderweitig genutzt werden.

Gerade in Großraumbüros gehen durch Kaffeepausen und Schwätzchen immer wieder viele Minuten verloren – wir Introvertierten kommen lieber gleich zur Sache oder bleiben gleich an unserem Arbeitsplatz. 

5) Selbstständigkeit ist vorprogrammiert

Wenn Du gerne in Ruhe arbeitest und keinen Small Talk suchst, wirst Du zwangsläufig selbstständig sein müssen. Denn ständig um Hilfe zu bitten oder sogar Arbeit auf andere abzuwälzen, ist gar nicht Dein Ding.

Stattdessen eignest Du Dir bestimmte Fähigkeiten selbst an oder investierst die nötige Zeit selbst.

Daher ist es auch kein Wunder, dass viele Introvertierte früher oder später auf berufliche Selbstständigkeit setzen – hier haben wir Kontrolle, können unsere Stärken ausspielen und niemand kann uns zum Small Talk zwingen. 

6) Introvertierte werden unterschätzt und können so überraschen

Wer lange Zeit nicht auffällt, kann umso mehr Eindruck hinterlassen. Dass wir Introvertierten so konsequent unterschätzt werden, heißt auch, dass wir immer wieder auf verdutzte Gesichter treffen, wenn wir mal Ansagen machen oder einen Job 1A erledigen. 

Die Chancen stehen gut, dass Du Dich als introvertierter Mensch nicht in den Vordergrund drängst. Deine Stärken liegen in der ruhigen und zuverlässigen Arbeit.

Doch gleichzeitig beobachtest Du auch, weshalb Du von Zeit zu Zeit eben doch einschreiten musst – das ist dann besonders wertvoll, weil Du nicht einfach loslegst, sondern bewusst wählst, wann Du die Führung übernehmen musst. 

7) Regenerationsexperten: Introvertierte entspannen besser

Um die Überstimulation durch Menschen und Eindrücke zu bewältigen, lernen wir Introvertierten (oftmals unbewusst), wie wir unsere Energietanks wieder aufladen können.

Lange Wochenenden, ruhige Abende, Spaziergänge in der Mittagspause – wir sichern uns unsere Auszeiten. Wo andere es übertreiben und den Punkt verpassen, an dem sie zurückschalten müssen, sind Introvertierte bereits Experten. 

8) Keine Rampensau zu sein, hat viele Vorteile

Selbstdarstellung ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite kommen viele Menschen damit durch, überhaupt keine Leistung zu bringen, sondern nur darzustellen.

Auf der anderen Seite fehlt dann nun mal Leistung und wenn Du anspruchsvoll mit Dir selbst umgehst, wirst Du das niemals wollen.

Introvertierte müssen sich nicht teurer verkaufen, als sie sind. Nicht angeben, nicht aufschneiden, nicht übertreiben – Du willst für die Sachen geschätzt werden, die Du auch wirklich leistest und danach geht es weiter.

Ewigkeiten der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu sein, ist nicht Dein Ziel. Gut so, lass das die anderen übernehmen, während Du weitermachst. 

9) Introversion ist identitätsbildend

Jeder introvertierte Mensch muss mit Widerständen kämpfen – zumindest in der modernen westlichen Gesellschaft. In anderen Kulturen und Zeiten wurden und werden ruhige und bedachte Menschen sehr viel mehr geschätzt.

Heutzutage müssen wir uns in der Schule ständig durch Gruppenarbeiten zwängen, Menschen sind berühmt dafür berühmt zu sein und ein beliebter Spruch im englischsprachigen Raum ist: Fake it till you make it.

Ein jeder Introvertierter sieht Introversion somit auch als Teil der eigenen Identität – denn wir müssen uns erklären, müssen uns an die Gegebenheiten der Extrovertierten anpassen und werden mit Vorurteilen überhäuft.

Wenn Du das erst einmal überstanden hast, bist Du auf der anderen Seite des Tunnels jedoch sehr viel gefestigter in Deiner Persönlichkeit.  

Wieso Du als Introvertierter anders arbeitest

Nach diesen jetzt doch recht allgemeinen Eigenschaften, die uns Intros so besonders machen (können), wollen wir noch ein paar Worte darauf verwenden, uns anzusehen, wie sich Introvertierte in der Praxis verhalten – oder verhalten sollten.

Denn all diese Dinge sorgen dafür, dass viele Arbeitsumgebungen für Dich nicht geeignet sind. Nämlich dann, wenn Du Deine Stärken nicht ausspielen kannst.

Immer wieder höre ich von Introvertierten, die in ihrem Job nicht geschätzt werden. Sie werden bei Beförderungen übergangen, ihre Vorschläge werden ignoriert oder sie sind sogar Opfer des Büro-Geschnatters, weil sie selbst nicht mitmachen wollen.

In solchen Umgebungen wirst Du als Introvertierter niemals wirklich glücklich oder erfolgreich sein. 

Dafür gibt es drei Lösungen: 

  • Du bist bereits recht weit oben auf der Karriereleiter und musst Dich daher nicht anbiedern. 
  • Du wählst die Selbstständigkeit. 
  • Du wechselst den Job/Arbeitsplatz.  

Wenn Du bereits recht zufrieden bist und die Probleme somit nur Nebensächlichkeiten sind, dann kannst Du lernen, einfach zu akzeptieren, dass Du nicht in einer idealen Umgebung arbeitest.

Auf Dauer wirst Du allerdings daran kaputtgehen, wenn Du für Deine gute Arbeit keine Anerkennung erhältst. 

Ich würde behaupten, es ist niemals der Beruf an sich, der Schuld daran ist, dass Du Dich als Introvertierter nicht wohlfühlst. Es ist immer der spezifische Job und somit die Arbeitsumgebung, die das verursachen.

Ein guter Chef wird immer wissen, dass Du vielleicht nicht laut und eindrucksvoll bist, aber Deinen Job gewissenhaft erledigst und auch mal die Fehler der Anderen ausbügelst.

Die richtigen Kollegen werden es zu schätzen wissen, dass sie mit Dir auch mal über ernstere Themen sprechen können, während sie gleichzeitig akzeptieren, dass Du nicht gerne Small Talk machst. 

Wenn Du jetzt gerade denkst, dass Du das auch gerne hättest, dann bist Du aktuell vielleicht nicht am richtigen Ort oder im richtigen Job.

Du solltest ernsthaft in Erwägung ziehen, ob Du nicht lieber Dein eigener Chef sein möchtest oder zumindest eine Veränderung notwendig ist – Du hast oben doch gelesen, wie viele gute Eigenschaften Du hast, was sollst Du also in einem Job versauern, in dem genau das Gegenteil geschätzt wird?

In vielen Arbeitsumgebungen wirst Du nicht aktiv gesucht.

Das ist schade und ich bin davon überzeugt, dass es vielen Unternehmen besser gehen würde, wenn sie eine gesunde Mischung aus introvertierten und extrovertierten Mitarbeitern hätten und beide gleich stark zu schätzen wüssten.

Aber das heißt nicht, dass Introversion eine grausame Diagnose wäre und Du einfach akzeptieren musst, dass Du als weniger wichtig angesehen wirst.

Finde heraus, wo Deine Stärken liegen und dann fordere die entsprechende Anerkennung. Wer Dir diese nicht geben kann, der wird Dich nicht verdienen.

Denn bei all der Kritik an vielen Büro-Situationen muss nämlich auch ganz klar gesagt werden: Es gibt auch viele, viele Menschen, die nach zuverlässigen und ruhigen Mitarbeitern suchen, die ihr Ding einfach gut machen.

Mit denen möchtest Du arbeiten, nicht mit denen, die lieber reden statt machen…

Jennifer Häuser ist freiberufliche Autorin und Bloggerin. Mit Wanderlust Introvert hat sie genau den Anlaufpunkt im Internet geschaffen, den sie sich selbst früher gewünscht hätte. Introvertierte finden bei ihr: Informationen, Unterhaltung und die Möglichkeit, sich selbst nicht nur zu akzeptieren, sondern die eigene Art als Stärke und Bereicherung zu sehen.

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