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Etliche Fragen und Theorien kursieren um den Begriff Fachkräftemangel. Doch entgegen vieler Behauptungen bringt die aktuelle Lage am Arbeitsmarkt nicht nur Probleme und Herausforderungen mit sich, sondern birgt auch jede Menge Chancen.

Welche Berufe derzeit besonders gefragt sind und welche Chancen sich dabei für Quereinsteiger ergeben, erfährst du in diesem Beitrag.

Die Ursachen
eines Fachkräftemangels

Ein oft genannter Grund für die Entstehung eines Fachkräftemangels ist die demographische Änderung einer Gesellschaft. Das dabei entscheidende Merkmal dieses Wandels ist die abweichende Entwicklung von Nachfrage und Angebot auf dem Arbeitsmarkt.

Die Zahl gut ausgebildeter Fachkräfte nimmt ab, z.B. auf Grund sinkender Geburtenzahlen, hoher Auswanderung oder niedrigen Bildungsniveaus. Zeitgleich bleibt die Nachfrage nach Experten und Spezialisten aus Unternehmen unverändert oder steigt.

Diese oftmals angeführte Darstellung ist allerdings nicht umfangreich genug. Im Kern heißt es nur, dass nicht jeder Spezialist, der dem Markt verloren geht, von einem Neuen ersetzt werden kann. Dies beschreibt allerdings die Austauschbarkeit der Belegschaft ohne Berücksichtigung von Potenzialen und individuellen Fähigkeiten.

Diese Diskussion sollte sich vermehrt auf die Globalisierung sowie technische und institutionelle Veränderungen konzentrieren, im Besonderen auf die sich ändernde Bedeutung der Arbeit.

Das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit IZA beschreibt genau diesen Ansatz und geht dadurch über das rein demographische Argument hinaus. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es einige voneinander abhängige Argumente bei den drei Varianten des Wandels gibt.

Technologischer Fortschritt, d.h. Digitalisierung, bedeutet, dass Routinearbeiten zunehmend automatisiert werden. Der Mensch als bisher bekannte Arbeitskraft wird ersetzt.

Mit der Globalisierung nimmt ebenfalls die Verlagerung von Produktionsaktivitäten in Niedriglohnländer zu. Zusätzlich werden sich die institutionellen Gegebenheiten weiter ändern. Die Rolle der Arbeit als Mittelpunkt im Leben wandelt sich. Selbstbestimmung, Freizeit und Hobbys gewinnen an Bedeutung und schaffen dabei flexible und unabhängigere Arbeitsmethoden.

Die Vielzahl der
einzigartigen Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt wird weiter steigen.
Demnach werden die Voraussetzungen an die Beschäftigten ständig
spezifischer. Deswegen kann ebendiese individuelle Vielfalt durch
bereits bekannte Grundausbildungen kaum mehr abgedeckt werden. Es
wird demnach von enormer Relevanz sein, sich auf die neuen
Erfordernisse vorzubereiten. Dies gilt sowohl für Firmen als auch
für Beschäftigte.

Engpässe bei Fachkräften

Um den Zustand am Arbeitsmarkt und die sich daraus ergebenden Chancen für Quereinsteiger richtig beurteilen zu können, muss die Definition des Begriffs Fachkräftemangel genauer untersucht werden. Beispielsweise bedeutet ein Fachkräfteengpass, dass der Bedarf an Arbeitnehmern in absehbarer Zeit nicht bedient werden kann.

Um es mit den typischen Marktgesetzen zu beschreiben: In der nächsten Zeit ist die Nachfrage höher als das Angebot, was auch durch flächendeckende Umschulungen nur begrenzt aufgefangen werden kann.

Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass eben dieser Engpass anfangs lediglich auf bestimmte Berufsbereiche oder -felder begrenzt ist. Denn ein Fachkräfteengpass kann ebenso entstehen, wenn die Anzahl der Arbeitslosen größer ist als die Menge der offenen Stellen.

In diesem Fall spricht man von einem sogenannten Missmatch, bei dem die Qualifikationen der verfügbaren Mitarbeiter nicht den Voraussetzungen des Arbeitgebers entsprechen.

Wenn der beschriebene Engpass über einen längeren Zeitraum anhält, ist die Rede von einem Fachkräftemangel. Es ist notwendig zu beachten, dass gleichfalls hier im Moment nur spezielle Bereiche oder Berufsgruppen betroffen sind. Wenn andererseits die komplette nationale Wirtschaft betroffen ist, spricht man von einem flächendeckenden Fachkräftemangel.

Für eine vollständige Bewertung ist es aus diesem Grund wichtig, zwischen den einzelnen Entwicklungsstadien zu differenzieren. Ob Fachkräftemangel, Fachkräfteengpass oder flächendeckender Fachkräftemangel, der Unterschied bei alledem ist entscheidend.

Diese Berufe sind vom Fachkräftemangel besonders betroffen

Es existiert keine allumfassende Kennzahl zur Beschreibung der Lage am Arbeitsmarkt. Dafür gibt es zu große Schwankungen zwischen einzelnen Berufsgruppen und Regionen.

Laut BMWi herrscht zudem derzeit kein flächendeckender Fachkräftemangel in Deutschland. Dennoch lässt sich in den folgenden Berufsgruppen und Industriezweigen ein erhöhter Engpass an Fachkräften feststellen:

  • Handwerk
  • Baubranche
  • Technische Berufe
  • Metallindustrie
  • Gesundheits- und Pflegeberufe
  • Logistik und Transport

Die Liste der einzelnen betroffenen Berufe ist lang. Die Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit gibt dazu jedes Jahr einen detaillierten Überblick. Jedoch lassen sich für die jeweiligen Qualifizierungslevel unterschiedliche Anforderungen erkennen.

Fachkräfte

Im Bereich der
Fachkräfte spannt sich unter anderem die Lage bei den Handwerks- und
Bauberufen weiter an. Hier sind von Installationen im Rohrleitungsbau
und Sanitärbereich, über die Elektrotechnik bis hin zu
Bodenlegearbeiten nahezu alle Aufgabenstellungen betroffen.

Ebenso in den
Bereichen der Materialverarbeitung werden Fachkräfte gesucht. Dabei
sind Kunststoff- und Metallbearbeitung vergleichbar betroffen wie die
Branchen der Holz- und Natursteinverarbeitung. Hinzu kommen in diesen
Fällen noch die entsprechenden Arbeiten in Verbindung mit den
jeweiligen Werkzeugen, Baumaschinen und Kraftfahrzeugen.

Und auch die
Berufe der Gesundheits- und Pflegebranche weisen eine hohe Nachfrage
an Fachkräften auf. Dabei werden nicht nur Gesundheits-, Kranken-
und Altenpfleger gesucht, sondern auch Assistenten im Bereich
Operation und Medizin.

Spezialisten

Bei den
Spezialisten ist im Grunde eine ganz ähnliche Bandbreite an Branchen
betroffen, analog zu den Fachkräften. Hinzu kommen hier noch die
verschiedenen Berufsgruppen der Informatik, der Energiebranche und
der Automatisierungstechnik.

Aber auch der
Gesundheitssektor ist erneut stark betroffen. In die Gruppe der
gesuchten Berufe reihen sich hier Sprach- und Physiotherapie,
Orthopädie- und Rehatechnik sowie erneut die Pflege mit ein.

Experten

Bei den Experten
zeigt sich der Bedarf am deutlichsten in den Bereichen der
Humanmedizin. Betroffen ist hierbei die Allgemeinmedizin, aber auch
Spezial- und Fachmedizin sowie Neurologie und Psychologie. Hinzu
kommen auf diesem Gebiet noch die Apotheker und Pharmazeuten.

Das zweite große
Themengebiet betrifft die Informationstechnik. Jobs in den Bereichen
Software- und IT-Lösungen sind genauso zu besetzen wie in der
technischen Informatik oder der Automatisierungstechnik.

Ist ein
Quereinsteiger eine Fachkraft?

Grundsätzlich ist es wichtig, sich ein allgemeines Bewusstsein des Begriffes Fachkraft zu schaffen. Obwohl auf den ersten Blick die Bedeutung logisch erscheint, gibt es bei der Definition doch unterschiedliche Sichtweisen. Laut Lexikon ist eine Fachkraft eine Person, die für ihr Arbeitsgebiet speziell ausgebildet wurde.

Das ist noch nicht allzu spezifisch und lässt noch jede Menge Interpretationsspielraum offen. Wer beispielsweise ist hierbei für die vollständige Ausbildung verantwortlich? Und ab wann gilt man als speziell ausgebildet?

Laut
Bundesministerium
für Arbeit und Soziales
sind Fachkräfte Menschen mit
anerkannter Berufsausbildung. Da wird es bereits etwas konkreter,
dennoch stehen nun lediglich 326 anerkannte Ausbildungsberufe 700
Berufsuntergruppen und sogar 1286 Berufsgattungen gegenüber. Darüber
hinaus schließt diese Definition auch Akademiker, also Absolventen
von Fachhochschulen und Hochschulen aus.

Was wiederum die
Frage offen lässt, ist man unmittelbar nach Beendigung seiner
Ausbildung oder seines Studiums in der Lage vollständig einen Beruf
auszuüben? Oder ist man in der Lage das Gelernte gleichermaßen
anzuwenden? Und kann man somit unmittelbar als Fachkraft angesehen
werden?

Wesentlich präziser wird die DVGW mit ihrer Definition: Fachkraft ist, wer aufgrund seiner fachlichen Ausbildung, Kenntnisse und Erfahrungen sowie Kenntnisse der einschlägigen Normen die ihr übertragenen Arbeiten beurteilen und mögliche Gefahren erkennen kann.

Hier wird im Wesentlichen die fachliche Ausbildung noch um die Faktoren Kenntnisse und Erfahrungen erweitert. Also um das individuelle Potenzial. Und das bringt es dem Bild einer Fachkraft ein ordentliches Stück näher.

Ein wirklicher
Nutzen entsteht erst dann, wenn das Potenzial vorhanden ist, eine
gestellte Aufgabe entsprechend zu lösen. Dabei kommt es nicht in
erster Linie auf einen etwaigen Abschluss an, stattdessen auf die
Fähigkeiten das Gelernte anzuwenden, sich in ein Thema einzuarbeiten
beziehungsweise die Zusammenhänge zu erfassen und sich somit
passende Unterstützung zu suchen.

Deswegen lässt sich die Bedeutung des Begriffs Fachkraft wie folgt definieren: Eine Fachkraft hat das Potenzial die gestellten Aufgaben zu bewältigen.

Als Quereinsteiger sollte man sich also nicht von möglicherweise fehlenden Berufsausbildungen abschrecken lassen, diese können im Falle nachgeholt werden. Viel wichtiger ist, sich selbst das Potenzial zuzutrauen, die Aufgaben einer beruflichen Veränderung lösen zu können.